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Das Linden-Museum Stuttgart geht auf die Aktivitäten des seit 1882 bestehenden „Württembergischen Vereins für Handelsgeographie“ zurück. Gegründet in der deutschen Kolonialzeit versteht sich das Museum heute als Ort des interkulturellen Dialogs.
Das Linden-Museum Stuttgart geht auf die Aktivitäten des im Februar 1882 gegründeten „Württembergischen Vereins für Handelsgeographie und Förderung deutscher Interessen im Ausland“ zurück. Vor dem Hintergrund der Debatte um eigene Kolonien entstanden im deutschen Reichsgebiet zahlreiche Vereine, die kommerzielle und koloniale Interessen miteinander verbanden. Auch der württembergische Verein sollte der lokalen Wirtschaft Anregungen und Informationen zu neuen Betätigungsfeldern, Absatzmärkten und Niederlassungsmöglichkeiten außerhalb Europas liefern. 1884 begann der Verein mit dem Aufbau eines handelsgeographischen Museums, in dem Natur- und Kulturprodukte aus diesen Regionen gezeigt werden sollten. Untergebracht wurde die Sammlung zunächst im Westflügel der Städtischen Gewerbehalle, die sich gegenüber dem Hegelplatz an der Ecke Holzgarten- und Kriegsbergstraße befand.

1889 übernahm Karl Graf von Linden (1838-1910), Jurist und zuletzt Oberkammerherr am württembergischen Königshof, den Vorsitz des Vereins. Unter seiner Führung wuchs das Interesse an völkerkundlichen Gegenständen und die handelsgeographische Ausrichtung des Museums trat in den Hintergrund. Im Einklang mit der damals weit verbreiteten Vorstellung, dass die als „Naturvölker“ bezeichneten Gesellschaften durch den Einfluss der europäischen Expansion allmählich verschwinden würden, sah von Linden es als zentrale Aufgabe eines völkerkundlichen Museums, die Zeugnisse ihrer materiellen Kultur zusammenzutragen und so für die Zukunft zu bewahren. Für die sich gerade erst als wissenschaftliche Disziplin etablierende Völkerkunde war diese Annahme, in der sich evolutionistische Entwicklungs- und Kulturvorstellungen mit der Idee der kulturellen Überlegenheit Europas verbanden, von wesentlicher Bedeutung.

Zur Vergrößerung des Objektbestands des Museums baute von Linden ein weitreichendes Netzwerk auf, zu dem u.a. Angestellte der deutschen Kolonialverwaltung im In- und Ausland, Angehörige der in den deutschen Kolonien eingesetzten Truppen, Führungskräfte und Angestellte kolonialwirtschaftlicher Unternehmen sowie Missionare und Diplomaten gehörten. Seine Kontakte versorgten ihn – häufig ohne finanzielle Gegenleistung – mit Gegenständen aus allen Weltregionen. Im Fall besonders verdienter Objektgeber für das Museum setzte er sich allerdings im Gegenzug am Königshof für deren Auszeichnung mit einem der württembergischen Verdienstorden ein.

Durch von Lindens persönliches Engagement wuchs der Bestand des Museums seit Beginn der 1890er Jahre kontinuierlich an: Ausgehend von ca. 300 Objekten im Jahr 1886 verfügte das Museum zum Zeitpunkt seines Todes 1910 über ca. 63.000 Objekte. Besonders die Bestände zu den deutschen Kolonialgebieten erfuhren in dieser Zeit einen enormen Zuwachs.

Durch das stetige Anwachsen der Sammlungsbestände reichten die Räume in der Gewerbehalle – trotz mehrfacher Erweiterung der angemieteten Ausstellungsfläche – bald nicht mehr aus. Von Linden und der Verein hegten daher bereits kurz nach der Jahrhundertwende den Wunsch nach einem eigenen Gebäude für das Museum. Als Grundstück favorisierte man das Gelände des 1902 abgebrannten Hoftheaters am Schlossplatz. Dieses Anliegen wurde 1908 von den zuständigen Behörden abgelehnt. Einen geeigneten Bauplatz fand von Linden schließlich am Hegelplatz. Die Fertigstellung des geplanten Gebäudes erlebte er allerdings nicht mehr: Er verstarb nur wenige Tage nach der Grundsteinlegung am 15. Januar 1910. Im folgenden Jahr am 28. Mai – seinem Geburtstag – wurde der Bau von König Wilhelm II. als Linden-Museum eröffnet.

Noch zu Lebzeiten hatte von Linden den Marinearzt Augustin Krämer, der seit den 1890er Jahren an mehreren Expeditionen in die Pazifikregion beteiligt gewesen war, zum ersten Direktor des Museums bestimmt. Ihm zur Seite stand Theodor Wanner, der dem Verein seit 1902 als Schatzmeister diente und ihn entscheidend mitgeprägt hatte.

Nachdem Krämer 1914 zum Militär einberufen worden war, ernannte Wanner Dr. Theodor Koch-Grünberg zum neuen Direktor, der sich als Völkerkundler auf Südamerika spezialisiert hatte.

Wanner, dessen besonderes Interesse dem „Deutschtum im Ausland“ galt, förderte in dieser Zeit die Einrichtung der Vorläuferorganisation des heutigen Instituts für Auslandsbeziehungen. Das „Museum und Institut zur Kunde des Auslandsdeutschtums und zur Förderung deutscher Interessen im Ausland“ wurde 1917 mit ihm als Vorstandsvorsitzenden im Linden-Museum gegründet.

Mit Ende des Ersten Weltkrieges und dem Inkrafttreten des Versailler Vertrags 1920 musste das Deutsche Reich seine Kolonialgebiete abgeben. Ihre Rückgewinnung blieb in den 1920er- und den 1930er-Jahren ein gesellschaftlich relevantes Thema, das auf ein größeres öffentliches Interesse stieß als die Kolonialpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Auch das Linden-Museum unterstützte bis in die 1930er Jahre intensiv Kolonialvereine und -initiativen mit Leihgaben oder Vortragsangeboten. Anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Kolonialgesellschaft 1928 in Stuttgart zeigte es z.B. eine groß angelegte Kolonialausstellung in der Gewerbehalle.

Zu Beginn der 1930er Jahre verschlechterte sich die finanzielle Situation des Museums. Nach der Installation der NS-Herrschaft in Stuttgart 1933 verhinderte die private Vereinsträgerschaft des Linden-Museums eine nationalsozialistische Gleichschaltung. Es gab keinen Personalwechsel in der Direktion und ebenfalls keine vorauseilende „Selbstgleichschaltung“. Museumsdirektor blieb Heinrich Fischer und Theodor Wanner war durchgehend bis 1953 Vereinsvorstand. Versuche, das Linden-Museum 1934 in ein Volkskundemuseum im Sinne der NS-Rassenideologie umzuwandeln, wurden erfolgreich abgewehrt.

Im Herbst 1942 Januar wurde mit der Auslagerung der Sammlungsbestände in das Salzbergwerk Kochendorf, nach Schloss Schaubeck und nach Schloss Erbach begonnen. Dadurch konnten die Sammlungen größtenteils vor einer Kriegszerstörung bewahrt werden. Noch bis März 1943 wurden in dem fast leergeräumten Museum noch Vorträge angeboten.

Bei den Luftangriffen auf Stuttgart Mitte September 1944 wurde das Linden-Museum von Brand- und Sprengbomben getroffen. Begünstigt durch die im Museum lagernden Möbel Ausgebombter und Evakuierter zerstörte der sich daraufhin ausbreitende Brand die oberen Geschosse des Hauses und die noch im Museum verbliebenen Sammlungsteile, wozu vor allem Großobjekte wie Originalboote sowie Objekte aus dem Asien-und Amerika-Bestand gehörten.

Unmittelbar nach Kriegsende bemühte sich Theodor Wanner um den Wiederaufbau. Das Linden-Museum wurde als eines der ersten zerstörten Gebäude in Stuttgart wiederhergestellt. Bereits 1949 stand das Gebäude des Linden-Museums wieder, wurde jedoch großenteils dem Kultministerium Württemberg-Baden zur Verfügung gestellt, das die Räume als Pädagogisches Institut der Landesanstalt für Erziehung und Unterricht nutzte. Bis 1952 kamen alle ausgelagerten Bestände zurück ins Haus und der erste TRIBUS, das Jahrbuch des Linden Museums, erschien. Das Museum konnte auf ca. 800 Quadratmeter, ab 1959 auf ca. 1.500 Quadratmeter seine Arbeit wieder aufnehmen. Die ersten Dauerausstellungen zu den Bereichen Ozeanien und Afrika wurden aufgebaut, später auch eine Dauerausstellung zu Amerika, die 1968 von Otto Zerries zum Amerikanisten-Kongress in Stuttgart fertiggestellt wurde.

Der Wiederaufbau des Museums hatte das Vermögen des Vereins aufgezehrt. Ab 1953 erklärte sich die Stadt Stuttgart bereit, die Kosten des Museums zu tragen, und auf Wunsch der Stadt übernahm das Land Baden-Württemberg ab 1964 ein Drittel aller Museumskosten. 1973 wurde schließlich ein Vertrag aufgesetzt, der die Trägerschaft des Museums durch das Land Baden-Württemberg sicherte. Das Linden-Museum wurde dadurch ein Landesmuseum, das hälftig von der Stadt mitgetragen wurde. Im selben Jahr änderte der ehemalige Trägerverein seinen Namen in „Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde zu Stuttgart e.V.“, unter dem er bis heute als Förderverein des Museums fungiert.

Ab Mitte der 1970er Jahre wurden die Sammlungen aus dem Orient und Ostasien intensiv durch Ankäufe – auch aus Landesmitteln – verstärkt. Zudem entschied man sich, die Bereiche für Ostasien, Südasien und dem Orient zu trennen und jeweils mit einem wissenschaftlichen Referenten zu besetzen.

Nach dem Auszug der pädagogischen Hochschule Ende der 1970er Jahre konnte wieder das ganze Haus vom Museum genutzt werden. Nach einer umfangreichen Sanierung des Gebäudes wurden im Sommer 1985 die neu entstandenen Dauerausstellungen zu Alt-Peru, Nordamerika, Afrika, Orient und Südsee eröffnet. Ein Jahr später folgte die Einrichtung der Dauerausstellung für Süd- und Ostasien. In allen Bereichen wurden Erlebnisbereiche eingerichtet wie die japanische Teestube, der orientalische Basar, der Tibet-Altarraum und das Kamerun-Haus, die zum Teil bis heute erhalten sind. 2011 wurden Vorplatz und Eingangsbereich umgestaltet.

Das Linden-Museum ist das einzige ethnologische Landesmuseum in Baden-Württemberg und versteht sich heute als lebendiger Ort des interkulturellen Dialogs und der Begegnung. Seine Ausstellungen zeigen die Vielfalt der Kulturen der Welt in Vergangenheit und Gegenwart und vermitteln neues Wissen über die Welt an ein breites Publikum. Zum Gesamtbild gehören so auch ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm und vielfältige Angebote im Bereich der interkulturellen Bildung.

Die hochkarätigen Sammlungen bieten ein unerschöpfliches Potenzial für internationale Kooperationen und Forschungsprojekte. Das Linden-Museum möchte im Dialog mit den lokalen Communities und mit Vertretern aus den Herkunftsgesellschaften die Sammlungen gemeinsam entschlüsseln und Mehrstimmigkeit und Partizipation fördern.

Nach über 100 Jahren Geschichte gehört das Linden-Museum mit seiner kostbaren Sammlung von rund 170.000 Objekten zu den bedeutenden völkerkundlichen Sammlungen Europas.
Text: Inés de Castro, Gesa Grimme, Shammua Maria Mohr
Literaturhinweise: Jahresberichte des Württembergischen Vereins für Handelsgeographie und Förderung deutscher Interessen im Auslande, Band I-L., Stuttgart 1884-1932.
Inés DE CASTRO, Das Linden-Museum – die Welt in Stuttgart, in: Weltsichten. Blick über den Tellerrand, hg. von Inés DE CASTRO/Ulrich MENTER, Darmstadt/Mainz 2011, S. 225-235.
Jürgen HAGEL/Wolfgang MECKELEIN, Hundert Jahre Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde zu Stuttgart e.V., Stuttgart 1982.
Friedrich KUSSMAUL, Linden-Museum Stuttgart. Staatliches Museum für Völkerkunde. Rückblick – Umschau – Ausblick, in: tribus 24 (1975), S. 17-65.
GND-Identifier: 004299604
Publiziert am: 19.04.2018
Empfohlene Zitierweise:
Inés de Castro, Gesa Grimme, Shammua Maria Mohr, Linden-Museum, publiziert am 19.04.2018 in: Stadtarchiv Stuttgart,
URL: https://www.stadtlexikon-stuttgart.de/article/d6f82642-7c58-47bc-92c1-c97fa83efa7e/Linden-Museum.html
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