Um die hygienischen Verhältnisse im ältesten Teil Stuttgarts zu verbessern und mehr Geschäftsverkehr in die Stadt zu führen, wurde in den Jahren 1906 bis 1909 ein Zehntel der Kernstadt hinter dem Rathaus neu errichtet. Mit architektonischen Anklängen an die Renaissance wurde rund um den Brunnen eine besondere Atmosphäre geschaffen, die zu einer damals wie heute hohen Aufenthaltsqualität führte.

Das Quartier um den Hans-im-Glück-Brunnen, eingefasst zwischen Stein-, Nadler- und Eberhardstraße, vermittelt ein malerisches Bild vergangener Tage. Erschlossen wird das Viertel durch die Geiß- und Töpferstraße, die sich im Zentrum zu einem kleinen Platz weiten, der oft als Geißplatz bezeichnet wird, obwohl er keinen offiziellen Namen besitzt. In seiner Mitte befindet sich das Wahrzeichen des Quartiers: der Hans-im-Glück-Brunnen. Es ist nicht für jeden auf Anhieb erkennbar, dass es sich hier keineswegs um einen spätmittelalterlichen Rest der historischen Stadt handelt, sondern um ein Gebiet, das erst in den Jahren 1906 bis 1909 als architektonische und städtebauliche Neuschöpfung entstand und somit nur wenig mehr als 100 Jahre alt ist.

Dass an dieser Stelle zu Beginn des 20. Jahrhunderts überhaupt ein neues Stadtviertel entstand, ist eng verknüpft mit dem Unternehmer und Sozialreformer Eduard Pfeiffer (1835-1921) und hat seine Ursachen in den rasanten Veränderungen im Stuttgarter Wohnungswesen während der Industrialisierung: Die Straßenzüge hinter dem Rathaus zwischen der Hirsch- und der Eberhardstraße stammen noch aus dem Mittelalter und gehören zu den ältesten der Stadt. Während die Eberhardstraße etwas erhöht verläuft, weil sie wie die Königstraße dem einstigen Verlauf der Stadtmauer folgt, befinden sich Hirsch-, Stein-, Geiß- und Nadlerstraße am tiefsten Punkt der Stadt. Die Gassen waren hier äußerst schmal, die Gebäude standen eng beieinander und es fehlte an Hofflächen. Schlecht belüftete Wohnungen, in deren Zimmer nur wenig Licht drang, vervollständigten das Bild. Die Brandgefahr war ebenso hoch wie die Seuchengefahr, weil der Nesenbach nicht nur bei Hochwasser krankheitsauslösende Keime mit sich führte.

Als sich die Stadt seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die neuen Viertel im Westen und Süden der Stadt sowie Richtung Ostheim ausweitete und auch die Hänge allmählich bebaut wurden, wurde die Altstadt zunehmend vernachlässigt. Deren Bewohner bewegten sich mehr und mehr am Existenzminium, während sich die Hausbesitzer, die an anderer Stelle ein neues Haus bezogen, ungern um die alten Behausungen kümmerten. Auch die Stadt sah sich nicht in der Verantwortung.

Eduard Pfeiffer hatte bereits 1866 den tief im Stuttgarter Bürgertum verwurzelten „Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen“ gegründet, der es sich unter anderem zur Aufgabe machte, gesunden Wohnraum für Arbeiterfamilien zu schaffen. Auf dem Weg dahin ließ er unter anderem die Siedlung Ostheim ab 1891 sowie im Jahr 1890 das heutige Eduard-Pfeiffer-Heim als Ledigenheim errichten. Nach dem Abschluss der Kolonie Ostheim im Jahr 1903 wandte sich Pfeiffer der prekären Situation in der Altstadt zu. Ihm war nicht nur daran gelegen, die Wohnsituation an den problematischsten Stellen zu verbessern, sondern auch den Handel wieder zu beleben, der zwischenzeitlich einen großen Bogen um die verwinkelten und muffigen Gassen machte.

Seine Idee, für die er in Fachkreisen Zustimmung fand, bestand darin, große Teile der Altstadt vollständig abreißen und ein neues Stadtviertel entstehen zu lassen. Diese Vorstellung von einer „Sanierung“, die uns heute abwegig erscheint, weil viel geschichtliche Substanz unwiederbringlich verloren gehen würde, wurde in deutschen Großstädten zu jener Zeit oft angewandt. Das wirtschaftliche Risiko des Projekts übernahmen Pfeiffer, der Verein sowie der leitende Architekt Karl Hengerer (1863-1943). Die Stadt Stuttgart unterstützte die Maßnahme, indem sie den von Hengerer entworfenen Baulinienplan akzeptierte und eine finanzielle Hilfe über 4 Millionen Mark gegen 3 % Zins und hypothekarische Absicherung übernahm.

So konnten Anfang 1906 innerhalb weniger Wochen 86 Häuser abgerissen und bis 1909 33 Neubauten errichtet werden. Hengerer steuerte selbst 22 Gebäude bei, zu den weiteren Architekten zählten unter anderem der junge Paul Bonatz und die renommierten Büros Bihl & Woltz sowie Eisenlohr & Weigle. Gleichzeitig wurden die Straßen, deren Führung im Wesentlichen beibehalten wurde, von drei bis sechs Meter auf bis zu elf Meter verbreitert und der schon vorher vorhandene kleine Platz im Zentrum auf die doppelte Fläche vergrößert. Die geschlossene Bauweise ohne Abstände ermöglichte größere Hinterhöfe, die für optimale Licht- und Luftverhältnisse sorgten. Die neuen Häuser waren massiv und mit einer Eisenkonstruktion versehen.

Die Besonderheit des Projekts war die architektonische und städtebauliche Ausgestaltung, die bis heute nachwirkt: Kurvige Straßen sowie Vor- und Rücksprünge sorgten für ein abwechslungsreiches und eher zufällig anmutendes Straßenbild. Die Gebäude wurden mit großer Liebe zum Detail höchst variantenreich ausgeführt. Erker, Treppen, unterschiedliche Fenster- und Dachformen, giebel- und traufständige Stellung, Fassadenmalereien, Reliefs und Skulpturen schufen ein reizvolles und malerisches Ambiente, das in seiner Vielgestaltigkeit dem Idealbild einer historischen Altstadt entsprach und auf Einheimische wie Fremde eine große Anziehungskraft ausübte. In den Erdgeschossen wurden durchweg Ladengeschäfte und Lokale untergebracht. Arkadengänge wurden durch Bögen angedeutet oder, wie am Geißplatz, tatsächlich ausgeführt. Dieses Idealbild meinte man entlang der Handelsrouten nach Italien zu finden, weshalb das neue Quartier an Städte wie Basel, Innsbruck, Bozen oder Trient erinnern sollte. Sie standen für florierenden Handel und wirtschaftliche Blütezeiten seit der Renaissance, die Stuttgart nie gekannt hatte. So entstand binnen kürzester Zeit ein neues – vermeintlich traditionsreiches – Handels- und Handwerkerquartier.

Viele gestalterische Details an den Gebäuden sind als Sinnbilder für Glück und Erfolg – eines Einzelnen wie der Gemeinschaft – anzusehen: Zu den Motiven zählen das Märchen von Hänsel und Gretel, die am Ende zu Reichtum kommen, und jenes vom Stuttgarter Hutzelmännlein, dessen Hauptpersonen Seppe und Vroni ebenso ihr Glück finden. Ein Merkurbrunnen symbolisiert den Handel, ein Hase steht für fruchtbringende Regsamkeit, der Dudelsackpfeifer für lebendiges Markttreiben.

Das Zentrum des Quartiers bildet der sogenannte Geißplatz mit dem am 12. Mai 1909 eingeweihten Hans-im-Glück-Brunnen. Dieser ist ein etwas eigenwilliges Symbol für das neue Viertel, denn Hans tauscht seinen Besitz mehrfach gegen etwas Geringerwertiges ein, bis er am Ende alles verliert. Dennoch fühlt er sich nun unbeschwert und empfindet dies als höchstes Glück – eben solcherlei Glück, das dem neuen Handelsmittelpunkt der Stadt beschieden sein sollte. Schöpfer des Brunnens war der seit 1901 in Stuttgart ansässige Bildhauer Josef Zeitler (1874-1958). Von ihm stammt mit Ausnahme des Merkurbrunnens am Graf-Eberhard-Bau der gesamte figürliche Schmuck des Sanierungsgebiets. Über einer mächtigen Brunnenschale als Kalkstein steht Hans – ein schwäbischer Bauernjunge mit Stiefeln, Jacke und Hut. Zu seinen Füßen spendet ein Schweinchen Trinkwasser. Die Figurengruppe wird eingefasst von einem filigran und kunstvoll geschmiedeten Gitter aus den Händen des Stuttgarter Kunstschlossers Karl Ebinger. Darin sind sechs Bronzemedaillons mit Stationen des Märchens eingelassen.

Es darf nicht vergessen werden, dass auch zwei große Blocks an der Eberhardstraße Teile des Sanierungsprojekts waren: die Gebäude 12 bis 20, von denen drei erhalten sind, sowie der ebenfalls von Hengerer errichtete Graf-Eberhard-Bau. Dieser besaß eine heute nicht mehr vorhandene innenliegende und überdachte Ladenzone mit mehreren Einzelgeschäften. Auch die Gebäude an der Eberhardstraße spielen stilistisch auf die Renaissance an. Sie veranschaulichen wirtschaftliche Prosperität und ein gedeihliches Gemeinwesen. Der Turm ist der Vermittler zwischen dem kleinteiligen Innenbereich und der großzügigen Eberhardstraße und diente zwanzig Jahre vor dem Tagblatt-Turm als Symbol für ein neues Stuttgart. Der Sinn des Sanierungsprojekts wird von einer Skulptur am Gebäude Eberhardstraße 12 dargestellt: Ein alter Mann hält einen verdorrten Baum, zu seinen Füßen spielt ein Kind mit einem jungen Trieb, und in der Inschrift ist zu lesen: „Das Alte stürzt und neues Leben blüht aus den Ruinen“ (nach Schiller).

Leider haben Kriegszerstörungen und Veränderungen im Geißplatz-Viertel nach 1945 tiefe Spuren hinterlassen. Nur wenige Gebäude sind gut erhalten, viele wurden vereinfacht wiederaufgebaut oder gar abgebrochen. Dem anheimelnden Charakter rund um den Hans-im-Glück-Brunnen hat das jedoch keinen Abbruch getan. An kaum einer anderen Stelle wirkt Stuttgart so beschaulich, weil sich die durch Kriegs- und Nachkriegseinwirkungen stark veränderte Stadt nirgendwo mehr sonst als gewachsene Kernzone präsentiert, wie etwa in Esslingen oder Tübingen. In den letzten Jahren hat man das Quartier wiederentdeckt. Es ist der identitätsstiftende Gegenentwurf zu den Großprojekten hinter dem Bahnhof und an anderen Stellen der Stadt. Als beliebtes Ausgehviertel mit zahlreichen Lokalen unterschiedlichster Art besitzen die kurvigen Gassen ein mediterranes Flair mit Arkaden und kleinen, abwechslungsreichen Gebäuden, mit Licht- und Schattenwirkungen und sprudelndem Wasser.

Text: Bernd Langner
Schlagwort: Stuttgart-Mitte
Literaturhinweise:

Julius Baum, Sanierung der Altstadt in Stuttgart, in: Architektonische Rundschau 25 (1909), Heft 11, S. 85-92.
Michael Kienzle/Bernd Langner/Herbert Medek/Kai Loges, Inszeniertes Glück. Die erneuerte Stuttgarter Altstadt 1909 (Stuttgarter Beiträge), Stuttgart 2009.
Bernd Langner, Gemeinnütziger Wohnungsbau um 1900. Karl Hengerers Bauten für den Stuttgarter Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen (Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Bd. 65), Stuttgart 1994.

Publiziert am: 19.04.2018
Empfohlene Zitierweise:
Bernd Langner, Geißplatz-Viertel, publiziert am 19.04.2018 in: Stadtarchiv Stuttgart,
URL: https://www.stadtlexikon-stuttgart.de/article/8eea3dcc-6932-4971-a870-a20b620a687f/Geissplatz-Viertel.html