Kapp-Putsch und Sitzung der Nationalversammlung im Kunstgebäude
Auf der Flucht vor putschenden Militärs kam die Reichsregierung am 15. März 1920 in das sichere Stuttgart. Die Nationalversammlung folgte und tagte am 18. März im Kuppelsaal des Kunstgebäudes. Ein Generalstreik ließ den Aufstand schnell zusammenbrechen.

Den Bedingungen des Versailler Vertrages entsprechend wurden ab Sommer 1919 die Freicorps aufgelöst. Unter den von der Entlassung bedrohten Offizieren herrschte Unruhe. Konkrete Umsturzpläne gegen die ungeliebte Demokratie schmiedete die rechtsextreme „Nationale Vereinigung“; einer ihrer Anführer war der ostpreußische Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp. Ende Februar befahl Reichswehrminister Gustav Noske auch die Auflösung der Marinebrigade unter Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt, einer Eliteeinheit. Die Ausführung dieser Verfügung verweigerte der ranghöchste Reichswehrgeneral, Walther von Lüttwitz, und richtete seinerseits weitreichende Forderungen an die Reichsregierung. Nach deren Ablehnung besetzte am frühen Morgen des 13. März 1920 die Brigade unter von Lüttwitz das Berliner Regierungsviertel, Kapp rief sich zum Reichskanzler aus. Der Pressechef von Reichsregierung und Auswärtigem Amt, Ulrich Rauscher, ein Stuttgarter, verfasste einen Aufruf zum Generalstreik und ließ ihn auch sogleich veröffentlichen. Dem Aufruf schlossen sich noch am gleichen Tag die Gewerkschaften an.

Gerade noch rechtzeitig flohen der Reichspräsident und die meisten Minister mit ihren Mitarbeitern nach Dresden, doch auch dort konnte die rechtmäßige Regierung nicht sicher sein. Angeblich war es Rauscher, der dem Reichspräsidenten empfahl, in seine Heimatstadt auszuweichen. Württembergische Sicherheitskräfte, vor allem die Polizeiwehr unter dem Polizeipräsidenten Paul Hahn, hatten ihren Schutz zugesagt.

Währenddessen hatten sich einige Gebiete, vor allem in Nord- und Ostdeutschland, den Aufständischen angeschlossen, die süddeutschen Länder hingegen blieben verfassungstreu. In Berlin, an der Ruhr und andernorts bewaffneten sich Arbeitereinheiten.

Die Reichsregierung kam am 15. März um 1 Uhr mittags am Bahnhof in Stuttgart an, Oberbürgermeister Karl Lautenschlager begrüßte die Gäste. Die meisten Minister bezogen Zimmer im Hotel Marquardt; Reichswehrminister Gustav Noske wohnte bei Polizeichef Hahn im Alten Schloss, dort war auch Reichspräsident Friedrich Ebert untergebracht. Die Regierung tagte im Ostturm des Alten Schlosses, im davorliegenden Grauen Saal wurden Gespräche geführt und Pressevertreter empfangen. In anderen Räumen richteten sich die Reichskanzlei und das Reichswehrministerium ein. Auch der Reichsrat, die Vertretung der Länder, trat im Alten Schloss zusammen. Nach und nach trafen nun auch die Mitglieder der Nationalversammlung ein, die meist in Privatquartieren logierten. Es kamen Abgesandte der Kapp-Regierung, englische und französische Diplomaten, in- und ausländische Zeitungsleute, Vertreter von Parteien und Organisationen. Stuttgart wurde für kurze Zeit zur provisorischen Reichshauptstadt.

An diesem 15. März hatte der Generalstreik bereits die ganze Republik erfasst. Jetzt schloss sich auch der Deutsche Beamtenbund dem Ausstand an. Es fuhr nun keine Straßenbahn mehr, es gab in manchen Städten weder Wasser noch Strom, das Telefon funktionierte nicht, kein Pfennig Sold, Lohn oder Gehalt wurde ausbezahlt. Unter dem Druck des Generalstreiks und der Blockadehaltung der Beamtenschaft gaben die Putschisten am 17. März auf und setzten sich nach und nach ins Ausland ab.

Die Fraktionen der Nationalversammlung trafen sich im Stuttgarter Landtagsgebäude. Als Tagungsort für die Nationalversammlung selbst war das Kunstgebäude ausgewählt worden. In Windeseile gestaltete man den Kuppelsaal zu einer würdigen Versammlungsstätte um. Am 18. März trat hier die Nationalversammlung zu ihrer einzigen Stuttgarter Sitzung zusammen. Der SPD-Redner Philipp Scheidemann kritisierte darin den Reichswehrminister, seinen Parteigenossen Noske, mit deutlichen Worten. Er habe sich den konterrevolutionären Bewegungen in der Reichswehr nicht hinreichend entgegengestellt und reaktionäre Militärs nicht frühzeitig genug entlassen. Noske reichte daraufhin seinen Rücktritt ein, den Reichskanzler Gustav Bauer jedoch nicht annahm. Wenige Tage später, nun schon wieder in Berlin, traten dann beide, Noske und Bauer, zurück.

Kurz vor ihrer Abreise lud Oberbürgermeister Lautenschlager am 20. März die Reichsregierung, die württembergische Staatsregierung, hochrangige Parlamentarier und einige Vertreter der Stadtverwaltung zu einem Abschiedsessen in den Ratskeller. Für jeden Teilnehmer gab es zwei warme „Schützenwürste“: eine besondere Art von Jagdwürstchen, eine damalige Stuttgarter Spezialität. Dazu reichte man einen Kipf (ein als Spitzweck geformtes Milchbrötchen), Kartoffelsalat und hiesigen Wein. Nach den anstrengenden Wirren der vergangenen Tage machten viele Gäste von letztgenanntem Angebot reichlich Gebrauch. 

Text: Ulrich Gohl
Schlagwort: Stuttgart-Mitte
Literaturhinweise:

Ursula Büttner, Weimar. Die überforderte Republik 1918-1933, Leistungen und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Stuttgart 2008, S. 137-143.
Claus-Peter Clostermeyer, Der 18. März – ein „revolutionäres“ Datum auch für Stuttgart. In: Rundbrief des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins 29 (2020), S. 16-17.
Paul Hahn, Erinnerungen aus der Revolution in Württemberg, „Der Rote Hahn“, eine Revolutionserscheinung, Stuttgart [1923], S. 116-124.
Wilhelm Keil, Erlebnisse eines Sozialdemokraten, II. Bd., Stuttgart 1948, S. 194-197.
Wilhelm Kohlhaas, Chronik der Stadt Stuttgart 1918-1933, Stuttgart 1964, S. 26 und 365.
Manfred Schmidt, Auf dem Stuttgarter Rathaus 1915-1922, Erinnerungen von Fritz Elsas (1890-1945) (Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Bd. 47), Stuttgart 1990, S. 156-163.

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Publiziert am: 09.10.2025
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Ulrich Gohl, Kapp-Putsch und Sitzung der Nationalversammlung im Kunstgebäude, publiziert am 09.10.2025 in: Stadtarchiv Stuttgart,
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