Erwin und Helene SchoettleZum Stadtlexikon
Der gelernte Schriftsetzer Erwin Schoettle war aktiv im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg saß er für Stuttgart im baden-württembergischen Landtag und im Deutschen Bundestag. Von 1948 bis 1970 war er Mitglied im Vorstand der Bundes-SPD. Seine Ehefrau Helene Schoettle war von 1951 bis 1975 Mitglied im Stuttgarter Gemeinderat.
Erwin Schoettle wurde am 18. Oktober 1899 als Sohn eines Fabrikarbeiters in Leonberg geboren. Das Gymnasium musste er vorzeitig verlassen, da die finanzielle Belastung für den Arbeiterhaushalt zu hoch war. Er begann 1914 eine Lehre als Schriftsetzer, nach deren Abschluss wurde er 1917 zum Kriegsdienst eingezogen. Nach dem Ersten Weltkrieg besuchte Erwin Schoettle die Württembergische Staatliche Kunstgewerbeschule in Stuttgart und wurde anschließend Verlagssekretär bei der sozialdemokratischen Zeitung Schwäbische Tagwacht, ab 1928 bei der Esslinger Volkszeitung. 1919 trat Schoettle in die SPD und die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) ein, deren Landesvorsitz er 1925 übernahm.

1925 heiratete er Helene Oßwald, die am 19. April 1903 im damals selbständigen Münster geboren worden war (Eingemeindung 1931). Neben ihrer Arbeit in einer Fabrik hatte sie die Handelsschule besucht. Nach dem Ersten Weltkrieg engagierte auch sie sich in der SPD und gründete die SAJ in Münster. Nach der Heirat wohnten sie dort in der Freibergstraße 64, wo auch 1928 ihre Tochter Doris geboren wurde.

1927 wurde Erwin Schoettle in den Landesvorstand der SPD berufen. 1931 übernahm er die Position des Parteisekretärs in Stuttgart und kämpfte – in enger Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher – gegen die Nationalsozialisten. Er organisierte 1932 zahlreiche Großkundgebungen und Wahlkämpfe.

Um einer Verhaftung zu entgehen, ging Erwin Schoettle zunächst in den Untergrund, floh dann am 17. Mai 1933 nach St. Gallen in der Schweiz. Von dort nahm er Kontakt zum Exil-Parteivorstand SOPADE in Prag auf. 1934 folgten ihm Frau und Tochter. Während Helene Schoettle in der Schweiz als Haushaltshilfe arbeitete, baute Erwin ein Netz illegaler Kontakte für die Parteiarbeit in Württemberg auf und leitete von 1933 bis 1939 das SOPADE-Grenzsekretariat für Südwestdeutschland. Er arbeitete eng mit der Gruppe Neu Beginnen zusammen, einer sozialistischen Organisation im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. 1939 ging Familie Schoettle nach London, wo Erwin Schoettle das Auslandsbüro von Neu Beginnen leitete. Zudem arbeitete er bei der BBC als Redakteur und Sprecher für Radiosendungen in deutscher Sprache. In London war er zudem beteiligt an der Gründung der Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien.

Im Oktober 1945 nahm Erwin Schoettle an der Wennigser Konferenz zum Wiederaufbau der SPD teil, im Sommer 1946 kehrte Familie Schoettle nach Stuttgart zurück. Sie wohnten zunächst in der Gebelsbergerstr. 35, ab 1956 in der Wannenstr. 52.

Im Juli 1946 wurde Erwin Schoettle zum Kreisvorsitzenden der SPD in Stuttgart gewählt, im April 1947 in Esslingen zum Vorsitzenden des SPD Bezirks Württemberg-Baden (ab 1952 Baden-Württemberg). 1962 gab er den Posten an Alex Möller ab, sprang er aber nochmals kurzfristig ein, als dieser 1968 zurücktrat. Seit 1948 war Erwin Schoettle Mitglied im Parteivorstand der Bundes-SPD. Im November 1946 wurde er für die SPD in den württembergisch-badischen Landtag gewählt. Von 1947 bis 1949 war er Abgeordneter im Frankfurter Wirtschaftsrat der Bi-Zone und am 14. August 1949 wurde Erwin Schoettle direkt in den Deutschen Bundestag gewählt, wo er von 1949 bis 1969 Vorsitzender des Haushaltsausschusses war.

In der Nachkriegszeit war er Mitarbeiter beim sozialdemokratischen Wochenblatt Volkswille, er gab die Sozialistischen Monatshefte heraus und war einer der Herausgeber der Stuttgarter Nachrichten.

1970 schied Erwin Schoettle aus dem Parteivorstand der SPD aus, nach der Bundestagswahl 1972 verließ er den Bundestag und zog sich aus der aktiven Politik zurück.

1955 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern, 1963 das Schulterband. 1969 erhielt Erwin Schoettle das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, 1975 wurde er Ehrenbürger der Stadt Stuttgart und erhielt die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. Am 25. Januar 1976 starb Erwin Schoettle während eines Erholungsaufenthalts in Baden-Baden. Sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof. Nach Erwin Schoettle wurde der Erwin-Schoettle-Platz in Stuttgart-Heslach benannt.

Helene Schoettle baute in der Nachkriegszeit für die Arbeiterwohlfahrt in Stuttgart ein Netz von Nähstuben auf. Am 28. Januar 1951 wurde sie für die SPD in den Stuttgarter Gemeinderat gewählt. Ihre Themen waren die Kinder- und die Seniorenpolitik. Nach dem Ausscheiden aus dem Gemeinderat 1975 war sie von 1975 bis 1979 Mitglied im Bezirksbeirat Süd.

Von 1947 bis 1973 war sie Mitglied im Vorstand der Arbeiterwohlfahrt. 1960 gründete sie den Verein Lebenshilfe für geistig Behinderte, wo sie ebenfalls 15 Jahre lang im Vorstand saß.

1980 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz, 1993 die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. Außerdem war sie Patin des Heslacher Tunnels. Helene Schoettle starb am 24.August 1994. Ihr Grab befindet sich ebenfalls auf dem Waldfriedhof.
Text: Elisabeth Skrzypek
Literaturhinweise: Erwin Schoettle, in: Archiv der sozialen Demokratie
https://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/nachlass/nachlass_s/schoettle-er.htm

Helene Schoettle, Weggenossen: Kurt Schumacher, Erwin Schoettle; 1933 – Machtergreifung der Nationalsozialisten; 1983 - 50 Jahre danach, Stuttgart 1983.

Trümmerfrauen der Kommunalpolitik. Frauen im Stuttgarter Gemeinderat 1945 bis 1960, hg. vom Stadtarchiv Stuttgart, Stuttgart 2013, S. 37f.
GND-Identifier: 129436453, 1012385132
Publiziert am: 19.04.2018
Empfohlene Zitierweise:
Elisabeth Skrzypek, Erwin und Helene Schoettle, publiziert am 19.04.2018 in: Stadtarchiv Stuttgart,
URL: https://www.stadtlexikon-stuttgart.de/article/1208c5aa-2537-4895-b959-773175e5c27b/Erwin_und_Helene_Schoettle.html
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