Kolonie OstheimZum Stadtlexikon
Einen großen Schritt zur Lösung der Wohnungsproblematik in Stuttgart stellte die Siedlung Ostheim dar, das erste große Wohnbauprojekt der Stadt, das in programmatischer wie baulicher und gestalterischer Hinsicht beispielhaft in Deutschland war und bis heute ein reizvolles Wohnambiente darstellt.
Ausgangspunkt des heutigen Stadtteils Ostheim war die ab 1891 erbaute Kolonie gleichen Namens. Deren Geschichte ist eng verknüpft mit der Person Eduard Pfeiffers (1835-1921) und dem von ihm 1866 gegründeten „Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen“. Vielfach als Arbeitersiedlung bezeichnet, ist sie doch das Ergebnis eines umfangreichen und wohldurchdachten Wohnungsbauprogramms Pfeiffers, das sich ausdrücklich nicht nur an die „Arbeiterklasse“ im engeren Sinn richtete, sondern an die breite Schicht finanziell weniger gut gestellter Familien aller Berufe – den „Minderbemittelten“, wie Pfeiffer sie nannte.

Die Residenzstadt Stuttgart hatte um 1800 etwa 20.000 Einwohner. Binnen zweier Generationen wuchs sie bis 1861 auf über 60.000 an. 1874 war die Einwohnerzahl erstmals bei 100.000 angekommen und erreichte im Dezember 1900 – noch vor dem Zusammenschluss mit Cannstatt und der Eingemeindung der Neckarvororte – mit 167.000 gegenüber 1800 mehr als das Achtfache.

Eines der größten Probleme der Stadt war die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, vor allem für die wachsende Arbeiterschaft. In Stuttgart waren es insbesondere Pfeiffer und sein Verein, die sich der Aufgabe stellten, diese Situation zu verbessern. Andere Organisationen wie Post und Eisenbahn oder einige genossenschaftliche Einrichtungen bewirkten keine nachhaltige Linderung, die der Allgemeinheit zugutekam, da sie sich ausschließlich an die eigenen Arbeiter bzw. an die Mitglieder richteten. Der „Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen“ hingegen setzte lediglich voraus, dass man sich – wie es der Vereinsname auch deutlich macht – in einem Beschäftigungsverhältnis befinden musste, wenn man in den Genuss einer Wohnung kommen wollte.

Antriebsfeder für Pfeiffer war dessen Vorstellung, durch ausreichend guten Wohnraum sowie durch verschiedenste weitere Einrichtungen wie Büchereien, Kinderkrippen, Speiseküchen, Waschanstalten, Arbeitsvermittlung und einiges mehr, aber auch durch die Behandlung der „Minderbemittelten“ als Individuen und nicht als Masse, dafür zu sorgen, dass die bürgerliche Gesellschaft, die er ja repräsentierte, durch soziale Verwerfungen und revolutionäre Entwicklungen nicht in Schieflage geriet. Diese Intention wurde mit Ostheim in Form gegossen.

Nach der Errichtung zweier Ledigenheime war die Siedlung Ostheim das erste große und bis ins Detail vorbereitete Wohnungsbauprojekt des Vereins. Dieser erwarb große zusammenhängende und bislang unbebaute Flächen an der östlichen Markungsgrenze zu Gaisburg und ließ einen Bebauungsplan durch den Stuttgarter Architekten und Oberbaurat Prof. Friedrich (auch Fritz) Gebhardt (1852-1918) mit Längs-, Quer- und Diagonalstraßen anfertigen, der auf einem langgestreckten Areal eine möglichst optimale Verteilung der Gebäude auf neun Wohnblöcke ermöglichte.

Mit dem Bau des ersten Hauses der Siedlung wurde im Oktober 1891 begonnen. Die letzten Gebäude wurden in der ersten Bauphase 1897, die eines zweiten Abschnitts 1903 fertiggestellt. Schon während der Bauzeit besuchte König Wilhelm II., der auch Mitglied im „Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen“ war, die Siedlung. Nach den Plänen der Architekten Karl Heim und Karl Hengerer entstanden insgesamt 383 Häuser mit 1.267 Wohnungen. Auf diese Weise schuf man binnen kürzester Zeit zeitgemäßen Wohnraum für über 5.000 Menschen. Zur Kolonie Ostheim gehörten auch Polizei und Post, ab 1899 die evangelische Lukaskirche, ein Kinderspielplatz, ein Kinderhort, eine Grundschule und eine Volksbibliothek, aber auch Geschäfte für den täglichen Bedarf, Handwerksbetriebe, drei Gaststätten und sogar eine Hebamme. Bereits 1901 wurde die Siedlung an das Netz der Stuttgarter Straßenbahnen angeschlossen, was den Weg zu den Arbeitsstätten wesentlich erleichterte.

Die offene, landhausartige Bauweise der Siedlung, deren kleine Gebäude in einem Drei-Meter-Abstand voneinander errichtet wurden, war das Ergebnis von Pfeiffers langjähriger Beschäftigung mit dem Arbeiterwohnungsbau und seinen Reisen durch europäische Industriezentren. Die dadurch erreichte optimale Luftzirkulation sowie die günstige Belichtung der Wohnungen entsprachen den damaligen Forderungen nach zeitgemäßer Wohnhygiene in Deutschland.

Auf der Basis von nur vier Grundtypen entwarfen Heim und Hengerer zwei- bis dreigeschossige Einzel- und Doppelhäuser aus Backstein, die mit Naturstein und Zierfachwerk verziert wurden. In der gesamten Siedlung war kein Haus wie das andere; sie unterschieden sich durch Türmchen, Giebel, Erker und Balkone sowie durch unterschiedliche Fensterstellungen.

Auf diese Weise wurde die Siedlung aber nicht nur besonders abwechslungsreich gestaltet, weshalb sie in der zeitgenössischen Fachliteratur im Jahr 1901 als „Arbeiter-Villenkolonie“ bezeichnet wurde. Mehr noch war die Gestaltungsweise ein weiterer Baustein in der Vorstellung Pfeiffers, die Bewohner zu individualisieren und ihnen eine bürgerliche Umgebung zu geben. Es kam hinzu, dass es jeweils einer Partie eines Hauses ermöglicht wurde, das Haus oder den Hausanteil in einer Art Mietkaufsystem zu erwerben. Um Spekulation vorzubeugen, wurden entsprechende Bestimmungen in den Verträgen verankert und dem Verein ein Erstkaufrecht eingeräumt. Auf diese Weise wurden die Bewohner selbst zu Besitzenden.

Eine besonders kostengünstige Bauweise wurde trotz der Vielfalt beispielsweise dadurch erzielt, dass jegliches Baumaterial wie Backstein, Dachziegel, Fenster, Türen, Sanitäreinrichtungen und Öfen standardisiert war und die Zwischenwände in der Regel nicht gemauert, sondern in Fachwerk ausgeführt wurden.

Auch die Grundrisse weisen nur wenige Spielarten auf. Eine Dreizimmerwohnung hatte üblicherweise eine Fläche zwischen 50 und 60 Quadratmeter. Ihr besonderes und in Deutschland bis dato bei vergleichbaren Aufgaben einmaliges Merkmal ist der Verzicht auf „gefangene Zimmer“. Stattdessen ist jeder Raum direkt vom Wohnungsflur erreichbar, wodurch Konflikte unter den Familienmitgliedern vermieden werden konnten. Auch dies war ein erklärtes Ziel Pfeiffers: die Persönlichkeitssphäre zu wahren, wo es angesichts der alles andere als großzügigen Verhältnisse möglich war, um Spannungen zu verhindern.

Ähnliches galt auch für das Miteinander der Mietparteien in einem Haus. Die Gebäude waren daher nur für jeweils zwei bis vier Familien geplant und hatten auf den Rückseiten einen Gartenanteil zur Eigenversorgung. Die Hofflächen der neun Baublöcke waren allerdings nicht als Gemeinschaftsplätze gedacht, sondern streng parzelliert. In einigen innenliegenden Straßen gab und gibt es auch kleine Vorgärten, die den zugleich malerischen wie bürgerlichen Eindruck unterstrichen.

Es entsprach dem Gedanken des „Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen“, dass Ostheim nicht nur Arbeitern und Handwerkern vorbehalten war, sondern auch einfachen Angestellten, Beamten und Kaufleuten. Auch die religiöse oder politische Zugehörigkeit spielte keine Rolle. Gut die Hälfte der Bewohner kam aus dem Stuttgarter Raum, die übrigen größtenteils aus dem restlichen Württemberg und aus Baden.

Im Herzen der Kolonie Ostheim liegt der einstige Teckplatz und heutige Eduard-Pfeiffer-Platz. Er war Versammlungsort, Marktplatz, Einkaufszentrum mit vielen Geschäften und zugleich eine Art „Rathausplatz“, denn die Vereinsverwaltung war hier ebenfalls zu finden. Pfeiffer beauftragte 1913 den Stuttgarter Bildhauer Karl Donndorf mit dem Entwurf für einen Brunnen am Platz, dessen Jünglingsfigur eine gefüllte Schale in den Händen hält: eine Allegorie auf jugendliche Tatkraft und eine segensreiche Zukunft.

Die Kolonie Ostheim blieb im Zweiten Weltkrieg und in den Nachkriegsjahren nahezu unversehrt. Ihr ursprünglicher Charakter und ihr trotz der villenartigen Ausstrahlung teilweise dörflich anmutendes Ambiente machen sie bis heute bei Bewohnern zu einem beliebten und bei Besuchern zu einem vielbestaunten Quartier. Die einstige Siedlung für „Minderbemittelte“ steht inzwischen als städtebauliche Gesamtanlage unter Denkmalschutz. Der Bau- und Wohnungsverein als direkter Nachfolger des „Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen“, der im Besitz der meisten Gebäude ist, tut sein Möglichstes, um diesen einzigartigen Charakter trotz großen Sanierungsaufwands zu erhalten.
Text: Bernd Langner
Literaturhinweise: BAU- UND WOHNUNGSVEREIN STUTTGART (Hg.), 125 Jahre Bau- und Wohlfahrtsverein Stuttgart, Stuttgart 1991.

BECK, Förderung der gemeinnützigen Bauthätigkeit durch die Gemeinden, in: Schriften des Vereins für Socialpolitik (Leipzig), Nr. 96, Neuere Untersuchungen über die Wohnungsfrage in Deutschland und im Ausland (1901), Bd. 2, S. 179–272, hier S. 203.

Bernd LANGNER, Gemeinnütziger Wohnungsbau um 1900. Karl Hengerers Bauten für den Stuttgarter Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen (= Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Bd. 65), Stuttgart 1994.

Eduard PFEIFFER, Eigenes Heim und billige Wohnungen. Ein Beitrag zur Lösung der Wohnungs-Frage mit besonderem Hinweis auf die Erstellung der Kolonie Ostheim-Stuttgart, Stuttgart 1896.
Publiziert am: 19.04.2018
Empfohlene Zitierweise:
Bernd Langner, Kolonie Ostheim, publiziert am 19.04.2018 in: Stadtarchiv Stuttgart,
URL: https://www.stadtlexikon-stuttgart.de/article/0c1cbd05-322d-4a41-8362-700a516dbbc9/Kolonie_Ostheim.html
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